210101 Das war 2020
Das war´s mit 2020!
Ich habe keine Ahnung, ob ein Resume möglich ist über dieses Jahr. Aber die lange Blogpause sowie dass T. Montag wieder arbeitet, spornen mich ein wenig an. Und was wenn keinen Rückblick schreibt man sonst am 1. Januar eines neuen Jahres?
Für uns ist 2020 nun mal nicht das Jahr der Pandemie, sondern das Jahr, indem wir mit L. den liebenswertesten Menschen in unser Leben gebracht haben. Wir haben ihn in den vergangenen Monaten richtig gut kennen gelernt, sicherlich auch dank der Pandemie intensiver als es sonst möglich gewesen wäre. Von der Unbegrenztheit der Liebe fange ich gar nicht erst an - ich weiß nämlich selber nicht, wo die noch hin führt. Jeden Morgen verliebe ich mich neu und mehr zugleich. Und so beginnt meine Zeitrechnung für 2020 auch erst Mitte März.
Phase 1 - Geburt und Wochenbett
Zu beschönigen gibt es da nichts: Nach wie vor bin ich mir sicher, dass die Verkündung des Besuchsverbots in NRWs Krankenhäusern am Abend vor Ls Geburt und meine Aufregung angesichts dessen dazu führten, dass wenige Stunden später die Fruchtblase platzte. Die Geburt bleibt für mich traumatisch, egal wie viele Menschen mir erzählen "Ja, aber ist doch alles gut gelaufen". Nach 12 Stunden Wehen, unter denen ich mich als Herrin der Lage führte und irgendwie das Gefühl hatte "ich schaffe das" , kurz vor "ich habe es geschafft" allein im Kreißsaal (Ts erster Toilettengang) auf dem CTG zu beobachten, wie Ls Herztöne fallen, dann hilflos dabei zugucken, wie die Ärzte hereinstürmen und sein Herz riesiggroß auf dem US auflösen, während es sich nur quälend langsam zusammenzieht und wieder weitet. Der Arzt, der wirklich wie im Film auf den roten Button an der Wand haut, der die Aufschrift "Notsectio" trägt. Schlafen gelegt werden mit dem Gedanken, erst beim Aufwachen zu erfahren, ob das gut gegangen ist - das ist seither der Stoff aus dem meine Alpträume sind. An die 1.5 Tage alleine mit L. im Krankenhaus erinnere ich mich nur sehr ungern. Zum Glück aber an das unbeschreibliche Gefühl, ihn auf mir liegen zu haben. Ich bin sehr froh, es mir mit sämtlichen Schwestern verscherzt zu haben (nicht absichtlich natürlich, ich war höflich, andere nicht), die mir vorenthalten wollten, mit den Ärzten zu besprechen, wie und wann L. entlassen werden und ich mich selbst entlassen kann. Mich durchsetzen kann ich, wenn ich weiß, dass etwas das richtige ist. Ich wusste, dass das Stillen zu Hause mit T.s Hilfe problemlos klappen würde, obwohl ich mich selbst, so wenige Stunden nach dem Kaiserschnitt, so gut wie nicht bewegen konnte. Ich wusste, dass ich erst dann verstehen würde, dass ich einen Sohn habe. Und ich wusste, dass es für L. (natürlich nach Freigabe durch eine Kinderärztin) ein besserer Start in unser gemeinsames Leben sein würde, wenn wir zu Hause zu dritt auf der Couch lägen. Der Mann, den T. als den Klinikdirektor identifiziert, der uns drei nach der Entlassung schließlich vor der Stationstür stehen sieht, L. mini klein im Maxi Cosi, T. und ich beide einfach nur heulend wie die Schlosshunde, und der sich bemüht zu erklären, das Besuchsverbot gegen seinen Willen habe umsetzen zu müssen.
Vier Wochen, in denen wir viel mehr als am Tag der Geburt Eltern werden. Wir leben in einer kleinen wunderbaren Bubble, alle sind auf einer Linie, Familie, Freunde, und bestärken uns darin, L. auf keinen Fall dem Risiko auszusetzen, mit diesem - damals noch unbekanntem - Virus zu infizieren. Unsere Tage bestehen aus Stillen, Essen, Wickeln, Spazieren, Schlafen. Es ist herrlich. Gemütlich und anstrengend, wir sind selig.
Phase 2 - die Lockerungen
Die erste große Veränderung: T. muss wieder arbeiten - natürlich aus dem Home Office. Für mich ist es trotz seiner Anwesenheit ein gewaltiger Unterschied: Ich muss nicht nur jede Windel wechseln, sondern zudem versuchen, Rücksicht auf T.s Arbeit zu nehmen. 80% seiner Arbeitszeit hängt er in Videocalls, ca. die Hälfte davon mit externen Menschen. Nicht ganz einfach in einer 2-Zimmer-Wohnung, die offen gestaltet ist. L. und ich gehen viel spazieren, unsere Runden werden immer länger, und ich erkunde die Umgebung. Für größere Runden nehme ich mir Kaffee mit und stille unterwegs auf einer Bank. Wir fangen an, Menschen, Familie und Freunde, im Freien zu treffen. Anfangs funktioniert das: L. kann angeguckt werden, wir fühlen uns halbwegs sicher. Dann kippt die Stimmung, und wir sind - für den Rest des Jahres - der ständigen Drängelei, Kritik und Aggression meiner Schwiegermutter ausgesetzt. Im Rückblick ist es DAS, worauf ich in 2020 am ehesten hätte verzichten mögen. Nicht die Pandemie. Nicht einmal das ständige Angsthaben. Sondern die Vorwürfe, wir würden uns falsch verhalten, L. der Familie vorenthalten, und die damit einhergehenden Konflikte zwischen T. und mir. Ich vermisse meinen Papa in dieser Zeit so sehr wei nie zuvor. Ich weiß so genau, dass er Verständnis gehabt hätte und uns unterstützt hätte, was wir so dringend benötigt hätten. L. wächst und wächst und wächst. Eine Größe nach der anderen sortiere ich aus der Kommode aus. Wie stolz wir sind, als er anfängt, zu spielen, zu greifen, und und und ...
Phase 3 - Sommer und Umzug
Ein Umzug mit Baby inmitten einer Pandemie ist fies anstrengend. Umso stolzer bin ich, wie wir das gewuppt haben. Am ersten Abend in unserem (jaja, ich weiß, der Bank gehört der größte Teil...) Garten sitzen wir drei sehr still zusammen. T. und ich stoßen mit Fassbrause bzw. Bier an. Ab jetzt hat T. ein Arbeitszimmer, und für L. und mich bedeutet das: Wir können laut(er) sein und uns viel freier bewegen! Was für eine Erleichterung. Wir werden freundlich und Corona-konform von den Nachbarn in Empfang genommen. Ein Straßenfest zu unseren Ehren, ein Kaffee im Garten. Richtig schön, wie schnell wir uns hier wohl fühlen. Die vielen Kinder auf der Straße lassen in uns Bilder entstehen: Wenn L. mal ein Bobby Car hat... (Das stand übrigens nun unterm Weihnachtsbaum). Gleichzeitig immer udn immer wieder Konflikte mit der Schwiegermutter. Selbst als wir sie spontan mit L. in der Eifel besuchen (angeblich ihr größter Wunsch) hilft es nichts. Es ist alles nicht genug. Vier Wochen Funktstille während T.s Elternzeit. Ich persönlich genieße diese Funkstille so so so sehr. Wir genießen die Zeit zu dritt, gehen riesige Runden spazieren, essen leckeres Essen, führen (erfolglos) Beikost ein, treffen uns mit Freunden zum Spazieren. Eigentlich verbringen wir den größten Teil des Tages damit, L. zu bewundern.
So lange war T. nie ohne Kontakt zu seiner Mutter. Es tut mir sehr leid für ihn, mehr als für mich natürlich. Aber vermisse auch mal einen richtigen Ausraster seinerseits. Der kommt dann am letzten Tag seiner Elternzeit, als er sie anruft und es erneut Vorwürfe hagelt. T. weint danach.
Phase 4 - Steigende Zahlen
Ein Brief an die gesamte Familie klärt die Situation ein wenig. Die übergriffigen Kommentare werden weniger, wenn sie auch nicht ausbleiben. Auf die steigenden Infektionszahlen müssen wir nicht reagieren - wir waren die ganze Zeit vorsichtig. Andere passen ihr Verhalten langsam wieder an, eine große Erleichterung für meinen Kopf. Tatsächlich wird meine Angst um L. ein bisschen weniger. Er ist so unfassbar kräftig, groß, wach - mitten im Leben angekommen. Das Robben wird schneller, geht Anfang Dezember in Krabbeln über. Erstmals seit bald zwei Jahrzehnten freue ich mich auf die Weihnachtszeit, dekoriere. Wichtel ziehen ein.
Wir verbringen einen wunderschönen Heiligabend zu dritt, der mir und T. für immer im Gedächtnis bleiben wird. Zum ersten Mal seit L.s Geburt trage ich keine Jeans oder Sporthose. Wir decken den Tisch schön. Und sind uns so sehr unserer Dankbarkeit darüber bewusst, dass wir und alle unsere Menschen gesund durch dieses Jahr gekommen sind. Alles andere kommt wieder, aber mit der Gesundheit hätte man es sich in diesem Jahr ordentlich verscherzen können. Ich bereue nicht, sehr vorsichtig gewesen zu sein. Ja, ich habe vielleicht das Babyschwimmen oder die Krabbelgruppe mit L. verpasst - aber wichtiger sind mir nach wie vor, dass wir keine Spätfolgen an Lunge, Nieren, Gefäßen zu befürchten haben. Kennen gelernt habe ich trotzdem neue Menschen, von denen ich hoffe, dass sie Teil unseres Lebens bleiben oder werden.
Die Wünsche für das nächste Jahr sind demnach einfach: Gesundheit, vielleicht hier und da ein wenig Normalität - am besten ohne Rückschlag im Herbst 2021. Ich habe kein Problem damit, wenn für immer eine Maske im Supermarkt oder beim Arzt Teil dieser Normalität sein wird. Ich möchte einfach keine Angst mehr haben um L. und keine Angst vor und Wut über Menschen (Fremde UND Familie UND Freunde), die sich rücksichtslos verhalten.
Mehr isses gar nicht.
Ihnen allen ein gesundes und glückliches neues Jahr 2021 !
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