210221 Zu viele Themen im Kopf

Ich habe so viele Themen, die mir durch meinen Kopf spuken, dass Corona da geradezu klein wird. (Es kommt halt so wie angekündigt, dritte Welle und so, wir sind hier recht sicher, das Infektionsrisiko ist auf das Einkaufen begrenzt, irgendwann werden wir geimpft. Warten.)

Jedenfalls: Geht es anderen auch so, dass man, sobald man ein eigenes Kind hat, noch einmal viel mehr über die eigene Kindheit nachdenkt? So häufig habe ich gehört, dass zuvor als komisch empfundene Verhaltensweisen plötzlich im eigenen Repertoire als Elternteil auftauchen. 

Mir geht´s da genau anders. Wenn ich meinen Sohn ansehe, empfinde ich das Verhalten speziell meiner Mutter in meiner Kindheit als noch komischer, noch demütigender, ja böser als zuvor. Ich erinnere mich an viele Situationen in aller Klarheit und frage mich, wie zur Hölle eine Mutter ihrem Kind in voller Absicht so weh tun wollen kann. 

Die erste innere Reißleine habe ich mal wieder gezogen, als sie mir vor wenigen Wochen schrieb "Was erlaubst du dir - hätte ich ein paar Jahre länger bei deinem Vater ausgehalten, wäre ich jetzt Alleinerbin". Mal abgesehen davon, dass das nicht den Tatsachen entspricht, abgesehen davon, dass meine Schwester und ich zwar ein gewisses Polster durch den viel zu frühen Tod unseres Vaters bekommen haben, wir aber dennoch im Gegensatz zu meiner Mutter immer auf Erwerbsarbeit angewiesen sein werden - wieviel Neid und Missgunst muss eine Mutter mit sich rumtragen, um ihren Töchtern, die nun beide mit Kind und Mann ein Häuschen haben und vielleicht endlich endlich zur Ruhe kommen, das Erbe zu neiden, das aus dem Tod des Vaters resultierte... 

Der Anlass war übrigens der, dass ich sie, auf ihr Wehklagen über ihre "geringe" zu erwartende Rente darauf hinwies, dass sie mit 1500€ im Monat (nach weniger als 10 Jahren Erwerbsarbeit übrigens und einer Weltreise ohne jedwedes Haushaltseinkommen) in ihrem Leben mit Sicherheit ein anständiges Rentendasein auch in Deutschland führen könne. 

Kurze Zeit später verstärkte sich meine Vorsicht noch einmal angesichts folgenden hübschen "Austauschs". Ich drückte ihr mein Mitgefühl aus, dass sie zum zweiten Mal nun vor den Scherben einer Ehe steht, schrieb wörtlich: "Wie traurig, dass dir das zum zweiten Mal passiert". Ihre Reaktion war "Wart mal ab, ich frag dich noch mal in 30 Jahren" (Spoiler: So lange muss sie gar nicht warten. T. und ich sind beinahe so lange ein Paar wie sie es mit meinem Vater war und nun mit ihrem neuen Mann!)

Die Ungeheuerlichkeit ihrer Äußerungen wurden mir erst klar, als ich T. viele Tage später davon erzählte. Zunächst schämte ich mich wohl, denn immerhin ist sie meine Mutter. Und ich bin ihr Kind, das jetzt auch eine Mutter ist. Die Ableitungen, die man daraus ziehen könnte, liegen für mich auf der Hand.

Erst recht möchte ich mich abgrenzen. Das Aufschreiben hilft mal wieder dabei. 

Ich möchte noch weniger Kontakt zu ihr haben als eh schon. Ich möchte nicht einmal mehr mit ihr Sachen ausfechten. Ich möchte nicht auf Fotos reagieren, wo sie im Golfoutfit an einem Baum posiert mit dem Kommentar "Guck mal, 30 Jahre älter als du, nicht schlecht, oder?", ja, ich möchte am liebsten fett werden, um ihr zu zeigen, dass meine Werte nicht in Kilos ausgedrückt werden. Ich möchte L. von ihr fern halten und ihr gleichzeitig zeigen, was für ein sensationelles Kind wir haben und was für gute Eltern wir sind. Ich möchte ihr all das sagen, was ich ihr vorwerfe und es gleichzeitig einfach lassen. 

Ich möchte einfach die beste Mutter für L. sein. 

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