210214 Eine E-Mail
Seit Monaten überlege ich, ob ich eine E-Mail schreibe und um den Geburtsbericht bitte. Insbesondere zur Rekonstruktion der zeitlichen Abläufe - aber auch zur Bearbeitung von wohl auch daraus resultierenden Ängsten. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen - aber die innere Diskussion darüber "was wäre gewesen, wenn ich nicht dies, oder besser das ..." ist nicht leiser geworden und Schuldgefühle darüber, dass L. in den ersten Minuten seines Lebens ohne mich war, kommen nun, da der erste Geburtstag naht, immer mehr an die Oberfläche. Auch darüber, dass L. und ich ohne Kaiserschnitt wohl schon kurz nach der Geburt das Krankenhaus hätten verlassen können und L. keinen Tag auf seinen Papa hätte verzichten müssen, während ich so schon Mühe hatte, die Ärzte zu überzeugen, uns nach 1.5 Tagen gehen zu lassen.
Der Arzt, der L. auf die Welt geholt hat, antwortete mir innerhalb von 24 Stunden. Im ersten Satz schrieb er, dass er sich gut an uns erinnere, an die besonderen und für alle neuen Corona-Umstände sowie die dramatische Geburt. Fast klang es, als habe er nur darauf gewartet, dass ich mich noch einmal melde, denn er bot direkt verschiedene Alternativen an, um die Geburt zu besprechen, mit ihm, alleine anhand des Geburtsberichts oder sogar mit einer extra auf traumatische Geburten spezialisierten Kollegin. Schon diese Reaktion von ihm hat bei mir irgendwas gelöst. Ich werte das als Anerkennung, dass es in Ordnung ist, dass ich noch Gedanken an die Geburt verschwende, obwohl ich nicht glücklicher sein könnte, das an diesem Tag mein gesunder L. geboren wurde. Ein bisschen Verständnis dafür, dass das Paket aus Kinderwunschbehandlung, Fehlgeburt, komplizierter Schwangerschaft, Pandemie, Besuchsverbot in der Klinik und Notsection kein kleines ist. Egal wie oft Schwiegermutter, Tanten und auch mein Mann sagen "Aber guck doch mal, wie gesund L. ist".
Als ich T. die Mail gestern Abend zeigte, machte auch bei ihm irgendwas klick. Jedenfalls entschuldigte er sich plötzlich dafür, dass er meine Gefühle, nur weil er sie nicht nachvollziehen kann, hatte ausreden wollen.
Außerdem vereinbarten wir, dass ich Zeit zum Bloggen kriege. Es fehlt mir.
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