210316 Der Abend vor deinem ersten Geburtstag
Lieber L.,
mir fehlen ein bisschen die Worte an diesem Abend vor deinem ersten Geburtstag. Der Tisch ist vorbereitet. Einen Ballon hast du bereits entdeckt und laut gegluckst. Die Geburtstagskarawane steht bereit, ich habe mich für den Elefanten entschieden, der die eine Kerze tragen darf, die morgen Früh angezündet wird.
So viele Erinnerungen aus dem vergangenen Jahr, Visionen für die kommenden Jahre, immer noch die Hormone und - der Schlafmangel. Wie gerne würde ich dir jetzt einen langen, ausgefuchsten Brief schreiben, mein L.chen. Aber immerzu wollen meine Finger nur tippen, wie sehr ich dich liebe, liebe, liebe....
Morgen ist dein erster Geburtstag. Du hast natürlich keine Ahnung, wie emotional das für deine Mama (und wohl auch deinen Papa ist), vielleicht wirst nicht verstehen, bis du vielleicht selber einmal ein Papa bist. Ich verstehe es auch erst heute Abend...
Wir sind in einer ungewöhnlichen Zeit eine Familie geworden. Aber morgen ist der Konjunktiv mit all seinen "hätte, wenn und würde" kein Thema. Denn du bist an jedem einzelnen Tag das, was zählt. Überhaupt überwiegt die Gewissheit, dass uns als Familie diese Zeit gefestigt hat gegenüber den Gedanken daran, was fehlt. Deine Freude an jedem Morgen, wenn das Licht angeht, lässt mich (meistens) die kurze Nacht vergessen. Denn dann starten wir zu dritt in den neuen Tag, der - egal wie klein unser Radius derzeit ist - die Welt bedeutet.
Ja, unser Morgenkaffee, den wir erst durch dich eingeführt haben und uns so gut tut - es gibt kaum eine Situation im Alltag, in der wir, Mama und Papa, gemeinsam so gut beobachten können, wie du dich jeden Tag entwickelst. Während wir im Bett Cappuccino trinken, lagst du anfangs einfach zwischen uns. Manchmal schlafend, oft auch nicht. Du bist kein Fan des Schlafens, das hat man von Anfang an an deinen wachen Augen erkannt, die sich auch jetzt noch so schwer vom Wachsein lösen lassen. Oft schauten wir einfach, am Kaffee nippend, still auf dein kleines Gesichtchen, das sich - von uns nur durch Fotos bemerkt - jeden Tag ein bisschen veränderte.
Irgendwann reichte dir das Rumliegen nicht mehr. Stattdessen fand der Mini-Steiff-Teddy, den dir deine Tante geschenkt hatte, deine Zuneigung. Jeden Morgen aufs Neue freutest du dich, wenn wir damit vor deinem Gesicht hin und her rasselten. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment, in dem wir bemerkten, dass deine Augen jetzt dem Teddy folgen. Hin und her.
Eines Morgens konntest du plötzlich nach ihm greifen - jetzt konnten wir wieder mit beiden Händen unsere Kaffeetasse halten, während du selber voller Elan den Teddy hin und her rasseltest. Jeden Morgen aufs Neue strahlten deine Augen, jeden Morgen wurde der Teddy ein bisschen kräftiger durchgeschüttelt.
Das hielt ein paar Wochen an, dann wurde der Teddy langweilig - man merkte: Du möchtest nicht mehr nur an die Decke gucken. In sicherer Umgebung, Mama links, Papa rechts, konntest du dich nun hin und her rollen. Ab jetzt war große Vorsicht angesagt mit den Kaffeetassen. Im Herbst fingst du an zu krabbeln. Komischerweise war das dann die Zeit, in der du, obwohl mobil geworden, morgens friedlich und ruhig zwischen uns saßt. Wir drei. Du in der Mitte. Sechs Beine unter der warmen Bettdecke. Dabei bewiest du uns, wie viele Begriffe du - ohne dass wir es gemerkt hätten - schon gelernt hattest. Wir fragten "Wo ist...." und korrekt zeigtest du Lampe, Fenster, Tasse/Kaffee, Nachttisch. Wir waren baff, probierten das im Rest des Hauses aus - und siehe da: An die 50 Begriffe aus unserem gemeinsamen Alltag haben es in dein Köpfchen geschafft. Im Januar bauen wir das Bett ab - noch quasi voll gestillt und jede Stunde aufwachend ist klar, dass du noch eine Weile bei mir schlafen wirst. Trotz Rausfallschutz ist mir das hohe Bett zu gefährlich, du bist viel zu mobil (auch wenn du beim Aufwachen in 99% der Fälle so darauf konzentriert bist zu brüllen, dass dir Krabbeln und Fallen wohl nicht einfallen würde). Nun schlafen wir auf der Matratze am Boden - und das ändert auch unsere morgendliche Kaffeerunde. Nun schaffst du es nämlich, von der Matratze zu krabbeln. Du machst jetzt das Schlafzimmer unsicher, während wir in Ruhe (naja...) Kaffee trinken. Versteckst dich hinterm Vorhang, stehst am Nachttisch, räumst den Kleiderschrank aus. Es ist herrlich dir zuzusehen. Zwischendurch kletterst du zu uns ins Bett und versteckst dich unter der Decke.
Mein lieber L. Ich habe hier nur eine halbe Stunde am Tag von 24 Stunden angerissen, die wir täglich gemeinsam verbringen. Kein Buch hätte genug Seiten, um all die schönen Momente zu fassen, die du uns im letzten Jahr geschenkt hast. Wir können uns nur mit unserer Liebe revanchieren - und morgen mit einem hoffentlich schönen Tag für dich. Vielleicht freust du dich auch über die Geschenke, die wir und andere für dich ausgesucht haben. Oder knabberst du sogar an einem der Muffins, die ich heute für dich gebacken habe? Erst ganz streng nach zuckerfreiem Rezept - um am Ende mit viel Verve doch noch eine Hand voll Zucker in den Teig zu werfen. Geplant war das anders - aber Planänderungen, die in vielen süßen Momenten münden, gehören für immer zu unserem ersten Jahr als Familie!
Deine Mama.

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